«Wenn ein Kind Albanisch verlernt, sind die Eltern schuld.»

In der Livesendung bei RTSH wurde ich mit einer These konfrontiert, die auf den ersten Blick simpel wirkt, bei näherem Hinsehen jedoch eine deutliche Komplexitätsreduzierung darstellt: Wenn ein Kind seine Muttersprache verliere, seien die Eltern schuld. Ich musste innerlich schmunzeln und blieb zugleich professionell, denn solche Vereinfachungen greifen sprachpädagogisch viel zu kurz. Verantwortung beginnt zwar in der Familie, aber sie endet dort keineswegs.
Sprachentwicklung entsteht immer im Zusammenspiel mehrerer Ebenen, und sie beginnt beim Kind selbst: Dort entscheidet sich, ob genügend Räume vorhanden sind, in denen formelles und informelles Lernen miteinander wirken – Lesen, Zuhören, Musik, Gespräche, der Austausch mit Peers und das alltägliche Erleben beider Sprachen.
Daran anschliessend steht die Familie, die mit ihrer Haltung zum Sprachenlernen eine zentrale Vorbildfunktion einnimmt – und gleichzeitig eher Unterstützung, Orientierung und geeignete Materialien bräuchte, statt moralischen Druck oder stille Schuldzuweisungen aus der Gesellschaft.
Ebenso entscheidend ist die institutionelle Ebene: Nur wenn Volksschule und HSK-Angebote qualitativ verlässlich, kontinuierlich geführt und in echter Kooperation gestaltet werden, entsteht jene Stabilität, die Herkunftssprachen langfristig benötigen. Häufig fehlt es jedoch an Transparenz über verbindliche Kriterien, Möglichkeiten und Grenzen des HSK-Unterrichts – ein Bereich, der in der Praxis zu wenig reflektiert wird.
Und schliesslich gibt es die politische Ebene: Sie bewegt sich zwischen den Botschaften der Herkunftsländer und den bildungspolitischen Verantwortlichen auf Volks- und Hochschulebene. Hier wird entschieden, ob Herkunftssprachen als gesellschaftlicher Wert verstanden und aktiv gefördert werden – oder ob man sie stillschweigend an den Küchentisch delegiert und damit jener systemischen Verantwortung ausweicht, die eigentlich notwendig wäre.
Ein Blick auf andere Minderheiten in der Schweiz zeigt deutlich, dass diese Gesamtverantwortung dort oft klarer wahrgenommen wird: Türkische, englische oder hebräische Sprachgemeinschaften haben über Jahrzehnte hinweg stabile Strukturen zur Weitergabe ihrer Erstsprachen aufgebaut – gezielter, organisierter und nachweislich wirksamer als es der albanischen Diaspora bisher gelungen ist. Die Gründe dafür liegen nicht allein in den Familien, sondern vor allem in den systemischen Bedingungen, die Mehrsprachigkeit ermöglichen oder behindern.
Warum diese Unterschiede bestehen und was wir daraus lernen können, bespreche ich im vollständigen Interview (auf Albanisch).
🔗 November 2023 – Mein Gastbeitrag zur PISA-Studie bei RTSH:
Die PISA-Ergebnisse 2023 zeigen ein historisches Tief bei den Lesekompetenzen albanischsprachiger Schülerinnen und Schüler.
Video: https://www.facebook.com/watch/?v=7226816790664057
